Professur für Forstzoologie und Entomologie Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br. Professur für Forstzoologie
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Kunstfutter für die Zucht von Nachtfaltern


Die Raupen der meisten Schmetterlinge ernähren sich von Blättern, wobei eine mehr oder weniger strenge Spezifität für bestimmte Wirtspflanzen besteht. Für die Haltung oder Zucht verschiedener Arten in Gefangenschaft natürliches Futter zur Verfügung zu haben, bereitet oftmals Probleme. Nicht nur, dass es hierzulande im Winter keine frischen Pflanzen gibt und nur wenige Arten ganzjährig verfügbares Ersatzfutter (Kohl- oder Salatsorten) akzeptieren. Selbst in einem Gewächshaus sind die erforderlichen Mengen an Pflanzenmaterial nur schwierig zu produzieren.

In der Forschung werden zudem Insekten gleichbleibender Qualität benötigt, was mit natürlichen Blättern wegen deren Variabilität oft nicht gegeben ist. Schließlich ist es für bestimmte Experimente mehr als wünschenswert, Tiere zur Verfügung zu haben, die frei von pflanzlichen Sekundärstoffen sind - z.B. für Studien zur Pheromonbiosynthese oder zum Metabolismus bestimmter Toxine.

Wir nutzen daher ein selbst entwickeltes Kunstfutter, welches im wesentlichen aus Bohnen, Hefe und Agar besteht. Es wird von einem großen Spektrum heimischer und tropischer Nachtfalterarten akzeptiert - von polyphagen Raupen bis zu ausgesprochenen Nahrungsspezialisten -, hat eine konstante Qualität und ist so einfach zu handhaben, dass es selbst unter Feldbedingungen in den Tropen zubereitet werden kann.

Mit dem Kunstfutter ist es möglich, Arten, mit denen morphologische, sinnesphysiologische oder chemoökologische Experimente durchgeführt werden, über mehrere Generationen zu züchten. Insbesondere können auch Eier und junge Räupchen mit Kunstfutter verschickt werden. Selbst Arten, deren Raupen und Wirtspflanzen aus dem Freiland noch gar nicht bekannt sind, stehen uns jetzt zur Verfügung; von experimentellen Studien abgesehen, (er)kennt man durch die Zucht auf Kunstfutter Charakterisitika der Larven, was u.a. hilft, die natürlichen Wirtspflanzen zu entdecken.

Dem Kunstfutter können Pflanzenmaterialien oder reine Chemikalien quantitativ beigemischt werden. Damit sind Studien zur Akzeptanz von Naturstoffen, zur Biosynthese von Pheromonen, zum Ab- und/oder Umbau von schädlichen Stoffen, zur Speicherung von Schutzsubstanzen u.v.a.m. möglich. Unser semikünstliches Futter erwies sich bislang für verschiedenste Arctiiden, aber auch für Noctuiden, Sphingiden und Notodontiden als geeignet. Tagfalter nehmen diese Diät jedoch nicht an. Sicherlich ist sie auch nicht für alle Heteroceren ein vollwertiger Ersatz, und natürlichem Futter ist nach Möglichkeit Vorrang zu geben.

Am besten sind Zuchten ex ovo und ausschließlich auf Diät durchzuführen. Abwechselnde oder gleichzeitige Gabe von Diät und Pflanzen kann zu Schwierigkeiten führen, muß es jedoch nicht. Es gelingt auch nicht immer, Raupen von natürlichen Wirtspflanzen auf Diät umzustellen, allerdings ist dies auch keineswegs ausgeschlossen.

Bei Verwendung von Kunstfutter ist selbstverständlich zu bedenken, daß nicht ausschließlich die Ernährung, sondern auch die Haltungsbedingungen über den Zuchterfolg entscheiden.

Zubereitung von Fertigdiät:

Aus den Zutaten "A“ (Agar) ) und "B“ (Bohnenmehl, Hefe und div. Chemikalien) kann mit Wasser ohne Wägung jede beliebige Menge Fertigdiät hergestellt werden, wenn A, B und Wasser im Volumenverhältnis 1: 6 : 20 verwendet werden; die Menge Fertigdiät hängt dann lediglich von der Größe der Volumeneinheit ab.

Zunächst werden 20 Einheiten 1 Wasser aufgekocht (mit Deckel, damit möglichst wenig Wasser als Dampf entweicht). In das kochende Wasser wird 1 Einheit "A“ gerührt und anschließend - unter Rühren - kurz aufgekocht. Es ist entscheidend, daß die Flüssigkeit gut verrührt und wieder zum Aufkochen gebracht wird. Alsdann wird die Flüssigkeit von der Kochstelle genommen, die Mischung "B“ eingerührt und die entstandene dickflüssige Masse schnellstmöglich in Schalen gegossen (Schichtdicke ca. 2 cm). Mischung "B“ ist in die heiße Flüssigkeit zu geben, weil sie bei Abkühlung erstarrt, allerdings darf die Masse nach Zugabe von "B“ keinesfalls mehr kochen! Bei Zimmertemperatur sollen die offenen Schalen ca. 6 Stunden abdunsten. Diese Fertigdiät kann im Kühlschrank einige Wochen lang aufbewahrt werden, im Freiland je nach Klima ggf. nur 2 Tage; es ist jedoch ratsam, Diät nur in solchen Mengen herzustellen, wie sie in 8-10 Tagen bzw. im Freiland sofort verbraucht werden kann.

Eine beliebige, selbst zu wählende Volumeneinheit (je größer, desto mehr Diät benötigt wird), z.B. Fingerhut, Meßlöffel für Kaffeepulver, jedwedes andere kleiner Gefäß, ggf. auch Becher, an dem eine Markierungslinie angebracht wird.

Der Versand von Schmetterlingseiern aus den Tropen gelingt mit (Eil-)Luftpostbriefen / -päckchen nur gelegentlich, da während des (meist zu lange dauernden) Transports die Eier entweder austrocknen oder die Räupchen schlüpfen und verhungern. Wir haben gute Erfahrungen mit dem Einsatz unserer Diät gemacht: in ein dicht schließendes (bruchsicheres) Plastikgefäß (z.B. PE-Dose; 50-100 ml) wird ein dünner Steifen frisch zubereiteter und noch nicht erstarrter Diät gestrichen. (Für den Transport im Handgepäck kann Diät in die "Ecke“ einer Petrischale gestrichen werden.) Nachdem das Futter angetrocknet ist, werden die Eier/Eiräupchen dazugegeben und versandt. Zu beachten ist: 1. daß lediglich eine dünne Schicht Diät (keine große Fläche, lieber schmale Streifen) aufgebracht werden darf (sonst haftet das Futter nicht, fällt vom Behälter ab und schädigt die Eier/Räupchen mechanisch; die kleinen Räupchen benötigen auch nur sehr kleine Futtermengen!), 2. daß die Diät angetrocknet sein muß (andernfalls bilden sich im Behälter Kondenswassertröpfchen, in denen die Raupen ertrinken können). Erfahrungsgemäß sollte die Diät 2 Stunden im Schatten bei geöffnetem Behälter trocknen, allerdings hängt die Zeit stark von den gegebenen Witterungsumständen (und der verwendeten Diätmenge) ab; am Besten: ausprobieren!

Wenn es nicht möglich ist, die Eier in die Versanddosen legen zu lassen und die Diät vor dem Abschicken dazuzugeben, können Papierstückchen mit darauf abgelegten Eiern in die mit Diät vorbereiteten Dosen gelegt werden. (Papiermenge beeinflußt die Luftfeuchtigkeit!)

Obwohl i.d.R. nur geringe Diätmengen benötigt werden, empfiehlt es sich, ca. 100 ml Diät zu kochen und den Rest zu verwerfen.

Bergomaz R, Boppré M (1986) A simple instant diet for rearing Arctiidae and other moths. J Lep Soc 40: 131-137 download
A bean-based semiartificial diet was developed empirically for rearing species of Rhodo­gastria and Creatonotos (Arctiidae), foodplants for which were unavailable or unknown. It was also used successfully for Heterocera in 27 genera of five families, and is likely suit­able for rearing additional species of moths. Preparation of the diet is simple even in the field, and its components are inexpensive

Fischer OW, Kiesel A, Schlenker K (1991) Nachtfalterzuchten mit Kunstfutter. Ein Erfahrungsbericht. Entomol Z 101: 293-301 download